< Homs – Ein zerstörter Traum
02.03.2014

"Wir wollen unser Land zurück"

Interview mit Regisseur Talal Derki im ARTE Magazin / Ventana-Koproduktion „Homs – Ein zerstörter Traum“ am 4. März bei ARTE


Frauen schmuggelten das Videomaterial aus dem Land, unter Kleidern und Haaren versteckt, damit die Bilder an die Öffentlichkeit geraten konnten: „Homs – Ein zerstörter Traum“, der Dokumentarfilm von Talal Derki, im Januar mit dem großen Preis der Jury des Sundance Film Festivals ausgezeichnet.

Darin folgt der Filmemacher zwei Freunden, dem charismatischen Baset und dem Journalisten Osama, und zeigt deren Leben – oder was davon übrig ist – in der umkämpften Ruinenstadt. Hinter deren Mauern ist der Traum von einem friedlichen Umbruch längst ausgeträumt. Homs: die Geschichte einer Radikalisierung.

Ein Interview von Diana Aust (ARTE Magazin) mit einem Regisseur, der sich selbst als Teil der Revolution sieht – und sein Land zurückfordert. 

ARTE: Ihr Dokumentarfilm zeigt Folterräume in Krankenhäusern, getötete Kinder und Zivilisten – wie werden Sie mit solchen Erfahrungen fertig?

TALAL DERKI: Die ersten Bilder, die man vom Krieg sieht, sind die schlimmsten. Menschen, die gefoltert wurden, Körper mit mehr als 20 Messerstichen, gut gekleidete, rasierte Männer, deren Leichen einfach in den Müll geworfen wurden. Das bricht einem das Herz. Besonders, wenn man sieht, wie ein Kind getötet wird.

ARTE: Das zeigen Sie in Ihrem Film ...

TALAL DERKI: In einer Szene bringt Osama – der sein Studium aufgab, um als Amateur-Kameramann und Reporter aus Homs zu berichten – einer Familie etwas Essen zum Frühstück. Ihr Kind wurde gerade von einem Sniper erschossen, während es einfach nur Fahrrad fuhr. So etwas geschieht, um die Menschen dafür zu bestrafen, dass sie gegen Assad demonstrieren. Ich weiß nicht, ob man sich an solche Bilder gewöhnen kann. Ich hoffe, dass wir nicht abstumpfen, sondern weiter weinen können, wenn wir ein totes Kind sehen – oder auch etwas Schönes.

ARTE: Wie haben Sie die Hauptpersonen des Films, Baset und Osama, in Homs ausgewählt?

TALAL DERKI: Ich habe meinem Instinkt vertraut. Ich hatte nie geplant, in Homs zu drehen, kannte die Stadt nicht einmal. Als Osama mich kontaktierte und bat, dorthin zu kommen, stellte er mir Baset vor: Er war 19 Jahre alt, Fußballspieler der syrischen Jugendnationalmannschaft und Sänger bei friedlichen Demonstrationen gegen Assad. Bald hörte man seine Lieder in ganz Syrien. Bei unserem ersten Gespräch merkte ich, welche Energie in ihm steckte und ich fühlte, dass ich diesem Menschen vertrauen konnte. Dass er zu seinen Entscheidungen stehen, nie aufgeben würde. Allein die Tatsache, dass er sich auf die Bühne wagte – ein leichtes Ziel für Sniper. Baset war ein Leader.

ARTE: Wieso wollten Sie die Revolution begleiten?

TALAL DERKI: Ich habe schon lange von einer neuen Generation geträumt, die einen Wandel bringen würde, eine Revolution gegen das Assad-Regime. Und als das tatsächlich geschah, konnte ich nicht vor dem Fernseher sitzen bleiben und sagen: „Das ist mir zu gefährlich!“ Ich wollte dabei sein.

ARTE: Sie haben bei den Dreharbeiten viel riskiert.

TALAL DERKI: Das ist nichts im Vergleich zu den Gefahren, denen die Menschen dort ausgesetzt sind. Vor und hinter der Kamera setzen sie ihr Leben aufs Spiel. Der Grund: Es ist ihr Krieg. Sie tun es für all die Freunde, die umgekommen sind, für ein Land, das eines Tages hoffentlich wieder eine starke Nation sein wird. Es geht nicht nur um einen Film.

ARTE: War es schwer, einen Kameramann zu finden?

TALAL DERKI: Anfangs nutzten wir Osamas Videos, teilweise mit Handykamera gedreht. Als wir später 20 professionelle Kameramänner aus Syrien anfragten, sagten alle ab, aus Angst. Daher sind viele Szenen vom Produzenten Orwa Nyrabia gedreht. Als Homs ab Juni 2012 belagert wurde und wir nicht mehr in die Stadt kamen, hat eine Kontaktperson aus Homs, Kahtan Hassoun, von dort weitergefilmt.

ARTE: Sie folgen Menschen, die friedlich demonstrieren, dann aber zu Waffen greifen; wollten Sie zeigen, wie aus Jugendlichen Krieger werden?

TALAL DERKI: Ich wollte zeigen, wie der Krieg die Menschen verändert. Sie sind jung, unerfahren, dickköpfig. Baset war ein Fußballer, der gerne sang, der es liebte, mit Menschen zu reden, sie für seine Überzeugungen zu gewinnen. Er hatte vor der Gewalt-Eskalation nie eine Pistole angefasst. Jetzt kämpft er mit schweren Waffen. Oder Osama: Niemand weiß, wo er heute ist, ob er überhaupt noch lebt. Er hat nie eine Waffe in die Hand genommen, auch nicht während der Belagerung. Aber diese Zeiten sind vorbei, Waffen trägt heute jeder in Homs.

ARTE: Glauben Sie, dass Osama oder Baset eine Wahl hatten, anders zu handeln?

TALAL DERKI: Ich glaube, Baset hatte nur einmal eine Wahl, als er entschied, ins belagerte Homs zurückzukehren, aus dem er kurz zuvor geflohen war, um Nahrung und Hoffnung zurückzubringen. Nach Homs zurückzukehren war die Entscheidung, in den Tod zu gehen. Die Männer um Baset, die ihm im Film folgen, sie alle sind vor zwei Wochen umgekommen beim Versuch, aus der belagerten Stadt zu kommen, um Nahrung zu besorgen. Diese Kämpfer um Baset waren die einzigen in einer Stadt, in der derzeit noch etwa 5.000 Menschen festsitzen, die zurückgekehrt sind, um die Menschen darin zu schützen. Dort wird Geschichte geschrieben.

ARTE: Lebt Baset noch?

TALAL DERKI: Ja, er lebt noch, aber wir wissen nicht, wie. Es gibt fast nichts mehr zu essen.

ARTE: Was müsste sich jetzt sofort in Syrien ändern?

TALAL DERKI: Wir sprechen hier über Menschenleben. Das Wichtigste ist, den Menschen in Homs, in Damaskus und anderen belagerten Städten einen Korridor zu öffnen, damit Nahrung, Medikamente und Ärzte in die Gebiete gelangen können. Und auch die Gefangenen, die in Assads Kerkern auf grausamste Art gefoltert werden, müssen freigelassen werden. Menschenleben sind das Wichtigste – danach können wir über Politik sprechen.

ARTE: Diejenigen im Ausland, die Assad stützen, fürchten eine Machtübernahme von Al Quaida und Fundamentalisten – was antworten Sie darauf?

TALAL DERKI: Ich sage ihnen, sie sollen „Homs – Ein zerstörter Traum“ anschauen. Wir zeigen, was Medien sonst verschweigen. Ich habe aufgehört, mit Journalisten zusammenzuarbeiten, als ich merkte, dass es ihnen oft darum ging, Al-Quaida-Kämpfer aufzutreiben. Für die Medien ist es nicht spektakulär genug, über belagerte, hungernde Menschen zu berichten. Die Leute, die an Syrien und die Demokratie glauben, die Gemäßigten, genau die haben nie Unterstützung erhalten. Unterstützung aus dem Ausland bekommen nur die Fanatiker. Den anderen schaut die Welt seelenruhig beim Sterben zu.

ARTE: Hat Sie die Arbeit am Film verändert?

TALAL DERKI: Ja, als Mensch und als Filmemacher. Für diesen Film bin ich erstmals in Situationen geraten, in denen ich als Regisseur nicht mehr weiter wusste. In einem lebensgefährlichen Moment sagte ich zu meinem Begleiter: „Wir müssen überleben, bitte lass uns von hier verschwinden.“ Seine Antwort: „Nein, ich bleibe hier.“ Da habe ich verstanden, dass es darum geht, diesen Augenblick festzuhalten. Dokumentarfilme sollten Geschichten nicht erst erzählen, wenn sie vorbei sind, sondern dann, wenn sie geschehen.

ARTE: Wie schaffen Sie es, positiv zu bleiben?

TALAL DERKI: Das habe ich von Osama und Baset gelernt. Einmal, als Baset in der Kairo Street kämpfte, mitten im Bombenhagel, rief sein Vater auf seinem Handy an und Baset sagte ihm: „Alles ist bestens.“ Wir müssen uns klarmachen: Was in Syrien passiert, ist kein Erdbeben, keine Naturkatastrophe und wir sind keine Opfer. Wir wollen den Wandel, wir wollen unser Land zurück. Selbst wenn Assad alles in Schutt und Asche legt, dürfen wir nicht aufgeben – wie soll denn sonst unsere Zukunft aussehen?

INTERVIEW: DIANA AUST


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